Dr. Stephan Berg
DIE SPRENGKRAFT DER FARBE
Das Überraschende der Bilder von Ben Hübsch liegt auf ihrer Oberfläche, ist also Teil dessen, was sie unmittelbar zeigen. Die meist klein und mittelformatigen Arbeiten entwickeln sich aus einem mehrheitlich rechtwinklig-geometrischen und leuchtend farbig angelegten Kompositionsplan. Auch als Kammerformate artikulieren sie eine gewisse Monumentalität, die nichts Pathetisches oder Großsprecherisches an sich hat, sondern schlicht mir der Entschiedenheit ihrer Setzung zu tun hat. Gesucht wird stets die Lösung, in der das Bild keine Möglichkeit mehr hat, sich selbst zu entfliehen, in der sich Farbe und Form zu miteinander verbunden haben, dass sie nichts als ihre eigene Kontingenz abbilden. Der ornamentale Gestus, der vor allem die Arbeiten bis Mitte der 90er Jahre bestimmte, ist mittlerweile zugunsten einer sichtbar konstruktiveren Haltung deutlich in den Hintergrund getreten. Eine strenge, oft achsensymmetrische formale Struktur bestimmt den Bildaufbau und bereitet gleichzeitig das Terrain für den fulminanten Auftritt der Farbe. Wo die formale Konstruktion, Reduktion, Einfachheit und Überschaubarkeit anbietet, signalisiert die Farbe vitalen Überschwang mit leise anarchischen Tendenzen. Gerade noch schwelgen zwei horizontale Farbbalgen in einer delikaten Allianz aus subtil differenziertem Pompejanisch-Rot, da knallt ihnen ein unverschämt neongelber Blitz vertikal dazwischen und beendet das genüssliche Farbgeflüster. Wen immer Barnett Newman auch damit meinte, Ben Hübsch jedenfalls hat ganz offensichtlich keine „Angst vor Rot, Gelb und Blau“. Im Gegenteil: Die Leuchtende bisweilen grelle, körperlich spürbare Intensität der Farbe ist Stimulus und Ziel all seiner bildnerischen Investigationen. Dafür erweist sich das scheinbar so komplett vermessene Gelände konstruktiver Farbmalerei als erstaunlich geeignet. Je kühler, analytischer und klarer der Bildgrund gerastert ist, um so stärker wirkt die Farbe als Aufsprengung seiner normativen Nüchternheit, und das interessanterweise gerade, in dem sie den geometrisch aufgestellten Spielregeln folgt. An keiner Stelle wird man den Künstler dabei ertappen können, dass er seine Farben außerhalb der Logik der formalen Bildordnung setzt. Jede Spiegelung, Kontrastierung, Abstufung oder Korrespondenz ist Teil eines rational nachvollziehbaren Gesamtentwurfs. Absolute Freiheit nimmt sich der Künstler allein bei der Wahl der Farben für das jeweilige Bild. Hier lässt er zartes Rosa auf leuchtendes Gelb, nüchternes Grau auf weiches Himmelblau und saftig schweres Grün auf elegantes Mauve treffen. Alles andere aber folgt einer stets nachvollziehbar bleibenden Farbgrammatik, in der nachtdunkles Grün im Bildverlauf zu einem hellen Flaschengrün mutiert, ein sattbrauner Farbriegel in einen hellbraunen Farbriegel gespielt wird, oder ein beinahe aus dem Bild drängendes Knallgelb nichts anderes ist als die logische Konsequenz aus einer mehrstufigen Gelbentwicklung. So findet sich die Ordnung der Bildstruktur in der Ordnung der Farbstruktur wieder, aber die doppelte Ordnung führt wunderbarerweise nicht zur Implosion und zum Verlöschen des Bildes, sondern sorgt dafür, dass es als eigene Wirklichkeit sichtbar wird. Was diese Bilder umtreibt, ist die Frage, inwieweit man die Lehren der Moderne, in Bezug auf deren Vorstellungen von Reinheit und Klarheit, heute noch benutzen kann, ohne dabei ihrem utopischen Absolutheitsanspruch zu folgen. Es geht um ein Balanceprojekt, in dem das Bild gleichzeitig zeigt, wo es herkommt, aber auch, was es auf diesem Weg gelernt hat. Und es geht um die Vermeidung jeder dogmatischen Festlegung, um die Befreiung des Bildes im Sinne einer Identität, die weder auf völlig solipsistische Selbst-Bezüglichkeit zielt, noch seine Eigentümlichkeit gänzlich an die Welt ausliefern will.
In einem 1947 entstandenen Text entwickelt Barnett Newman ein Konzept der „Ideographie“ zur Beschreibung dessen, was er unter einem abstrakten Gemälde versteht, das in einigen Punkten einen durchaus fruchtbaren Hintergrund für den hier diskutierten Zusammenhang bildet. Direkten Anlass für Newmans Äußerungen lieferte die Austellung „Das ideographische Bild“ in der New Yorker Galerie Betty Parsons, an der neben ihm unter anderen Hans Hofmann, Ad Reinhardt, Mark Rothko und Clyfford Still beteiligt waren.
Einleitend heißt es dort: „Der Künstler eines Kwakiutl-Bildes auf einer Tierhaut befasste sich nicht mit den Belanglosigkeiten der überordnenden sozialen Rivalitäten der Indianer der Nordwestküste; noch entsagte er im Namen einer höheren Reinheit der lebendigen Welt zugunsten eines bedeutungslosen Materialismus der Gestaltung. Die Alltagsrealität überließ er den Bastlern von Spielzeug; das gefällige Spiel mit ungegenständlichen Ornamenten den Korbflechterinnen. Für ihn war ein Gebilde etwas Lebendiges. Die abstrakte Form war deshalb Wirklichkeit und weniger eine „formale“ Abstraktion einer visuellen Gegebenheit mit der unterschwelligen Gewissheit einer bereits bekannten Natur“ (1).
Eben die hier angesprochene Lebendigkeit, die das abstrakte Bild aus seinem möglichen Formalismus befreit und zu einer eigenen Wirklichkeit werden lässt, kann auch als Grundlage der Arbeiten von Ben Hübsch gelten. Als innere, wesentliche Lebendigkeit setzt sie größtmögliche Entschiedenheit der Bildformulierung bei gleichzeitiger Vermeidung jeglicher formaler Dogmatik voraus. Dazu schreibt Newman: „Die Grundlage einer ästhetischen Handlung ist die reine Idee. Doch die reine Idee ist unabdingbar eine ästhetische Handlung. Hier entsteht das epistemologische Paradox, das Problem des Künstlers:
Der Gewinn für den Betrachter ist evident: Diese Bilder versprechen nichts, was sie nicht auch halten können.
Anmerkungen:
1) Barnett Newmann: Das ideographische Bild, 1947, zit. Nach: Kunsttheorie im 20. Jahrhundert, Hrsg: Charles Harrison/Paul Wood, 1998, Ostfildern, S. 692.
2) Ebd, S. 692 f
Link zur Homepage von Ben Hübsch: www.benhuebsch.de
Ausstellung in der Oechsner Galerie: 25.04.-16.06.2007
1963 geboren in Freiburg, lebt und arbeitet in Freiburg
| 1984-1991 | Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Prof. Peter Dreher |
| 1991 | Kunstpreis Ökologie der AEG |
| Auslandsstipendium der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe für Chicago, USA | |
| 1994 | Kunststiftung Baden-Württemberg |
| 1994-1995 | Atelierstipendium der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe |
| 1998 | Gastatelier Schloss Büchsenhausen, Innsbruck, Österreich |
| 2001 | Cité International des Arts, Paris, Frankreich |
| 2003 | iaab-Stipendium für Havanna, Kuba |
| 2007 | artist-in-residence Programm Krems an der Donau, Österreich |
| 2008 | Ben Hübsch, Galerie Geiger, Konstanz |
| Eyecandy, White Trash Contemporary, Hamburg | |
| Klappe, die Zweite, Kunstverein Hamm | |
| Am siebten Tage, Kunstverein Kirchzarten | |
| 2007 | Oval Opal, Kunstverein Baden, Österreich |
| Kosmokolor, Oechsner Galerie, Nürnberg | |
| Colorado, Galerie Feuerstein, Feldkirch, Österreich | |
| 2006 | Städtische Galerie Backnang |
| Kunstraum Alexander Bürkle Freiburg | |
| Malabar Chatreuse, Galerie Katharina Krohn Basel,Schweiz; mit Michael Jäger | |
| 2005 | Künstlerkreis Ortenau, Artforum Offenburg |
| 2004 | Galerie Katharina Krohn, Basel, Schwei |
| Galerie Geiger, Konstanz | |
| Atelier Bischoff, Lahr | |
| 2003 | Fondation Ludwig de Cuba, Habana, Kuba |
| 2002 | Retour de Paris, Centre Culturel Franco-Allemand, Karlsruhe |
| Galerie Geiger, Konstanz | |
| Galerie Krohn, Badenweiler | |
| 2001 | CADMIUM 61/HOOLA HOOP 104, Kunsthaus Baselland, Muttenz-Basel, Schweiz |
| Kunstverein Hamm | |
| Hidden Museum, Österreich; mit Carl Ludwig Hübsch | |
| 2000 | Städtische Galerie im Turm, Donaueschingen |
| 1999 | Galerie Krohn, Badenweiler |
| 1997 | Galerie im Tor, Emmendingen |
| 1996 | Galerie Winkelmann, Düsseldorf |
| 1995 | Ausstellungsraum Schmidl+Haas, Frankfurt am Main |
| Galerie Schneider, Ottersweier | |
| 1994 | Galerie Rainer Wehr, Stuttgart |
| 2009 | Zehn plus X, Galerie Ulf Wetzka, Berlin |
| 2008 | 7x7 Malerei der Gegenwart, Städtische Galerie, Offenburg |
| Kunstschauplätze, Künstlerbund BaWü, Tettnang | |
| Kunst in Basel, Galerie Katharina Krohn, Basel | |
| Die totale Weiblichkeit, absolute Kunst Galerie, Freiburg | |
| Statements, Oechsner Galerie, Nürnberg | |
| Toutdroittroittoir, mit Martin Kasper und Jürgen Wolf, absolute Kunst Galerie, Freiburg | |
| 2007 | Ausgerechnet... Mathematik und Konkrete Kunst, Museum im Kulturspeicher, Würzburg |
| Playtime, white trash contemporary, Hamburg | |
| 2006 | Vier im Kreis, Künstlerbund Baden-Württemberg Sulz am Neckar |
| Regionale 06, Kunsthaus Baselland, Muttenz/Basel, Schweiz | |
| 2005 | A-Z, Künstlerbund Baden-Württemberg, Karlsruhe |
| Zeit Raum Zeichen, Künstlerbund Baden-Württemberg, Schloss Achberg | |
| Atelier Bischoff, Lahr | |
| Multiples für die Griffelkunst, Kunsthaus Hamburg | |
| 2004 | Colours and Stripes, Galerie Drees, Hannover |
| Der Badische Rest, Städtische Galerie, Müllheim | |
| 2003 | Aus dem Bleistiftgebiet, Sammlung Rosskopf, Freiburg |
| Retour de Paris, EnBW, Karlsruhe | |
| Badische Grammatik, E-Werk, Freiburg | |
| Multiple Joy, Galerie Foth, Freiburg | |
| Aspekte konstruktiver Kunst, E-Werk, Freiburg | |
| Flips Wahl, Galerie Katharina Krohn, Basel | |
| 2002 | Goldjungs, Galerie Rainer Wehr, Stuttgart |
| Goldjungs, Galerie Guillaume Daeppen, Basel, Schweiz | |
| Drehkreuz Dreher, Kreissparkasse Esslingen | |
| Regionale 2002, Installation mit Daniel Göttin, Kunsthalle Basel, Schweiz | |
| Beinahe Wirklich, Kunstverein Freiburg, Installation mit Daniel Göttin | |
| Galerie Katharina Krohn, Basel, Schweiz | |
| 2001 | Goldjungs; mit Martin Kasper und Martin Wehmer, Galerie im Tor, Emmendingen |
| 2000 | Mies van der Rohe Haus, Berlin |
| Die niederrheinische Uferlosigkeit, Kranenburg | |
| Nous sommes tous de Quimper, Quimper, Frankreich; mit Martin Kasper und Martin Wehmer | |
| Regionale 2000, Kunsthalle Basel, Schweiz | |
| 1998 | Galerie Krohn, Badenweiler |
| Galerie Rainer Wehr, Stuttgart | |
| 1997 | Galerie Schneider, Ottersweier |
| Pictorale, Est, CRAC Alsace, Altkirch, Frankreich | |
| 1995 | 30 Jahre Tag um Tag, Museum für Neue Kunst Freiburg / Kunstverein Freiburg |
| 1993 | Deson-Saunders Gallery, Chicago, USA |
| 1991 | Kunstverein Freiburg; mit Cornelia Schabak und Elke Ulmer |