Gerhard Mayer

Gerhard Mayer - Ellipsen

Bilder öffnen Räume. Unabhängig davon, ob sie gegenständlich oder ungegenständlich sind, lassen Bilder ihre tatsächliche Flächigkeit vergessen und führen den Betrachter in imaginäre Räume: Landschaftsräume, Stadträume, Innenräume oder Farbräume. Bilder an der Wand werden so zu Fenstern, die Durchblicke in dahinter liegende Räume gestatten. Und wo sie ganze Wände einnehmen, verschwimmen gar die Grenzen zwischen dem gebauten, realen Raum und der vom Bild geöffneten.
Gerhard Mayer deutet in seinen Zeichnungen schon durch wenige gebogene Linien Raum an. In der Ellipse hat er seine Grundform gefunden. Sie besitzt schon an sich eine Affinität zum Räumlichen, denn wer soll uns garantieren, dass wir nicht einen perspektivisch gesehenen Kreis vor uns haben. Dieses Gesetz der "guten Gestalt" , dass die Gestaltpsychologie lehrt, macht sich der Künstler zunutze. Es ist nur konsequent, dass er seit einigen Jahren mit seinen Zeichnungen in den tatsächlichen Raum ausgreift. Solche "Site Specific Wall Drawings", also auf bestimmte Orte bezogene Wandzeichnungen, hat er bereits in Galerien und Ausstellungsräumen in Nürnberg, München, Düsseldorf, Dortmund, Wien, New York und San Francisco verwirklicht.
Gerhard Mayer zeichnet mit Tusche auf Papier und auf die Wand. Seine Linien sind kontrolliert, präzise und von technischer Exaktheit. Nichts liegt ihm ferner als Handschrift. Das Unpersönliche und Kalte seiner Linien rührt her von Schablonen, die Mayers Hand führen und ihr keine Spontaneität gestatten. So lassen seine Blätter und Wandzeichnungen manchmal an Diagramme denken.
Hinter der atemberaubenden Dynamik der Linien steckt ein Regelwerk, das sich Gerhard Mayer selbst auferlegt hat. Es ist aus dem Zeichnen heraus erwachsen, also keine Erfindung am grünen Tisch. Angesichts unendlicher Möglichkeiten unterwerfen sich Künstler freiwillig Regeln. Die englische Malerin Bridget Riley hat einmal gesagt: "Wenn dem modernen Künstler keine Grenzen mehr gesetzt sind, dann heißt das doch nur, dass er die Freiheit hat, selber welche zu setzen ...". Entscheidend ist, ob der Künstler die von ihm aufgestellten Regeln lediglich als Mittel begreift und sie nicht mit der Form selbst verwechselt. Ansonsten bezahlt der Künstler, nach Adorno, dafür nicht nur mit "Selbstentfremdung" , sondern auch mit einem "Mangel an Artikulation, die von Form kaum weggedacht werden kann. "
Gerhard Mayers Spielregeln betreffen sowohl das Linienmaterial als auch seine Organisation. Zunächst mag man annehmen, dies könnte nur zu ebenso starrsinnigem wie langweiligem Dogmatismus führen. In der künstlerischen Praxis erweisen sich die Regeln jedoch als ein regelrechter Nährboden, aus dem die wunderbarsten zeichnerischen Gebilde nur so sprießen. Auch wenn der Künstler zu den Werkzeugen eines technischen Zeichners greift, erliegt er doch nicht den Versuchen einer Mathematisierung seiner Kunst. Die Schablonen und Regeln befreien ihn nicht von ständigen Entscheidungen. Er muss die Form erarbeiten, sie fällt ihm nicht als Resultat strenger Regelbefolgung zu. Und da sie sich nicht nur einfach ergibt, ist sie so unendlich vielgestaltig. Hier, auf der Ebene der Form, kehrt sie zurück, die Unendlichkeit der Möglichkeiten, die der Künstler so geschickt zu beschränken weiß, was die Gestalt der Linie anbelangt.
Mal drehen die Linien kalligrafische Pirouetten, dann wieder fallen sie wie leichter Regen herab. Schwärme von Reststücken begleiten Verbände, in denen die Linien so dicht liegen, dass sich beim Sehen ein Flimmern einstellt, der Drucker des Ausstellungskatalogs verzweifelt und der Künstler anschließend auch. Nichts, was diese Linien nicht können. Angesichts der Fülle an Formen mag niemand mehr an Regeln denken. Schwer zu sagen, ob man sich eher an Schnittbögen oder an CAD – Darstellungen erinnert fühlt. Im nächsten Moment glaubt man wie durch eine Lupe auf Holzschnitte und Kupferstiche der Dürerzeit zu blicken, wo wenige Bündel paralleler Striche genügen, um den Schatten einer Gewandfalte oder die Struktur einer Felsformation sehen zu lassen. Von Höhenlinien und Isobaren gelangt man mitten hinein in Magnetfelder, die Eisenspäne in Feldlinien ordnen.

Dr. Thomas Heyden, Nürnberg

Biografie

geboren 1962 in Mittenwald, lebt und arbeitet in Nürnberg

1987-1993 Akademie der Bildenden Künste Nürnberg bei Prof. G. K. Pfahler u. Prof. R. G. Dienst

Stipendien und Förderungen:

1995 Debütantenpreis des Freistaates Bayern
1996 Frankreichstipendium des Bezirks Mittelfranken
2001 Förderpreis des Förderkreises Bildende Kunst Nürnberg
  Förderpreis des Bay. Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst
2003 Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg (Nürnbergstipendium)

Einzelausstellungen:

2008 "Orakel", Galerie Ute Parduhn, Düsseldorf
2007 Soloshow Art Forum Berlin, Oechsner Galerie, Nürnberg
2006 "tohus und wohus", Museum der Wahrnehmung, Graz, Österreich
  "1/600 Sekunde entfernt von Brüssel", Oechsner Galerie, Nürnberg
2003 "Zufall und Notwendigkeit", Galerie Ute Parduhn, Düsseldorf
2002 "NGC 1976", Hosfelt Gallery, San Francisco, USA
2001 "Everything is essentially possible", Caren Golden Fine Art, New York, USA
2000 "Holzschlichten", Kunsthalle Wil, Schweiz
1999 "Alles im Lot II", Europacenter Berlin
1997 "Alles im Lot", Kohlenhof Ästhetische Transformationen, Nürnberg
1996 "La vague et le vague", Orangerie und Espace Noriac, Limoges, Frankreich
1993 "Schwarze Bilder", Galerie Edith Schoeneck, Rotes Schloss Obernzenn

Gruppenausstellungen (Auswahl):

2009 "Curvilinear", Gallery Joe, Philadelphia, USA
2008 "Statements", Galerie Oechsner, Nürnberg, Germany
  Club Transmediale 08, Festival for Adventurous and Related Visual Arts, Berlin
2007 "Pattern vs. Decoration", Hosfeldt Gallery, San Francisco, USA
  "Pattern vs. Decoration", Hosfeldt Gallery, New York, USA
2007 "Linie", Nassauischer Kunstverein, Wiesbaden
2006 "Combine Installation", Galerie Vedovi, Brüssel, Belgien
  "Collectors Choice and Show", Arkansas Arts Center, Arkansas, USA
2005 "Weltinnenräume, die Sammlung Hanck", Dt. Gesellschaft für christliche Kunst e.V. München
2005 "baden gehen", Gesellschaft für Gegenwartskunst, Baden Baden
  "the other sight", Künstlerhaus, Dortmund
2004 "Contemporary Arts from Germany", Europäische Zentralbank, Frankfurt/Main
  "Open Day Exhibition", Art Omi International Arts Center, New York
  "August", kuratiert von Dan Kopp, Brooklyn Fireproof, Brooklyn, New York, USA
2003 "Dubrow Bienial International", New York, USA
  "positionen+tendenzen", Kunst in Franken, Nürnberg
  Kunstverein Nürnberg, Albrecht Dürer Gesellschaft, Nürnberg
  Insitut für moderne Kunst/Kunsthalle Nürnberg
  "Angermann, Eller, Knaupp, Mayer", KunstMühle Mürsbach, Oberfranken
  "Paper", Hosfelt Gallery, San Francisco
  "Abstraction Now", Künstlerhaus Wien
  "At the Edge of Science", Museum of Visual Arts, San Valley, Idaho, USA
2002 "Staatliche Förderpreise für junge Künstler", Galerie der Künstler, München
  "Acumulation", Clifford-Smith Gallery, Boston, USA
  "25th Anniversary Benefit Selections Exhibition", The Drawing Center, New York, USA
  "Minimal-Systematic", Elvehjem Museum of Art, Madison, Wisconsin, USA
2001 "Kunstraum Franken 2001", Kunsthaus Nürnberg
  "Making the Making", Apex Art, New York, USA
  "By Hand", University of California, Long Beach, USA
  "Microwave three", 123 Watts Gallery, New York, USA
2000 "Fixations - The Obsessional in Contemporary Art", Kohler Arts Center, Sheboygan, Wisconsin, USA
  Bary Whistler Gallery, Dallas, USA
1999 "Relay Drawings, Eye, Hand, Others", Buckwell University Art Gallery, Lewisburg, Pennsylvanya, USA
  "Das Lachen des Ovid", Galerie Voges+Deisen, Frankfurt am Main
  "Systematics", Caren Golden Fine Art, New York, USA

Bibliografie:

  • 2003
  • Bailey, Susan. New Age Art Offers Cosmic Approach, Wood River Journal, 5. November, Gerhard Mayer, Seite 3
  • Baker, Kenneth. Critics’ Picks: Art, San Francisco Chronicle, 17. Januar, D1
  • Bonetti, David. NGC 1976: Gerhard Mayer, Hosfelt Gallery, Art On Paper, April, pp. 65-6.
  • Heyden, Thomas. Der Bewegte Raum, QM-Immobilienmagazin, April, pp. 22-3
  • Johnson, Ken. Jill Weinstock und Gerhard Mayer, The New York Times, Weekend Section, 26. September, S. E36.
  • Künstlerporträt: Gerhard Mayer, Interview mit Ute Parduhn, Vernissage, Winter 2003/04, pp. 10-12.
  • Pettinger, E.J. And the Universe Said, Boise Weekly,17. Dezember.
  • Rademacher, Alexa. Faszinierende Ornamente, Rheinische Post, Feb.
  • Worth, Alexi. Jill Weinstock/Gerhard Mayer, The New Yorker, 22. Sptember
  • 2002
  • Baker, Kenneth. Gerhard Mayer at Hosfelt, San Francisco Chronicle, 28. Dezember
  • 2001
  • Gerhard Mayer, The New Yorker,18.-25. Juni
  • Schwabsky, Barry. Gerhard Mayer: Everything is Essentially Possible, Art On Paper, September – Oktober, S. 90.
  • 1999
  • Bell, J. Bowyer. Gerhard Mayer, John EJ Powers & Elizabeth Simonson, Review, 15. Juni
  •  Levin, Kim. Systemantics, Voice Choice, The Village Voice, 8. Juni.
  • 1995
  • Hülbig, Ralf. Gerhard Mayer: Stange, Latte, Balken, Brett, Katalog

Werke in öffentlichen Sammlungen:

Kunstmuseum Düsseldorf, Sammlung Hanck
The Drawing Center, New York
Flint Institute of Art, Michigan
Bucknell University Art Collection, Pensilvania
Museum of Fine Arts, Boston
Herbert F. Johnson Museum of Fine Art, Cornell University
Tweed Museum, University of Minnesota