Markus Putze

Das Wissen von einem Ende der Nacht

Auf der Zeichnung "now here" sind die Worte "we are nowhere and it’s now" zu lesen. Gibt es da nicht ein Lied? Das ist doch von den Bright Eyes, oder? Kein Zweifel – Markus Putze mag Musik. Er steht an einem visuellen Mischpult. Sein Materialfundus ist die private und öffentliche Umwelt, in der sich alles neu mixen und arrangieren lässt. Formen des Samplings von schriftlichem und bildlichem Material sind für seine Bilder ebenso charakteristisch wie unerlässlich. Durch dass Crossover aus Songtexten, Zitaten und Bildern können neue Bedeutungen entstehen. Darüber hinaus evoziert er durch die Wahl von Zeilen aus Songtexten Klang und Rhythmus. Aber auch ohne die Musik im Ohr sind die Arbeiten komplex und  mehrdeutig. Häufig führen sie ins Ungewisse.
Die Betonung liegt allenthalben auf dem Wort "now". Direkt über diesem ist der Kopf einer mit Bleistift gezeichneten, hübschen, jungen Frau zu sehen. Sie wurde in einen angedeuteten Wald "hinein-gesampelt". Ehedem war sie einmal auf einem Foto, geschossen mit Putzes Fotoapparat, seinem ständigen Begleiter. Die Schöne wurde ihres ehemaligen Umfeldes beraubt und an einen offensichtlich passenderen, weil romantischeren Ort versetzt. Die Struktur ihrer Haare entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als symbolträchtig wie abgründig. Ein Totenkopf blickt wie Fausts Mephisto über die Schulter der Engelsgleichen. Sie erwidert sein konspiratives Grinsen nicht, im Gegenteil. Ihr Blick ist nach oben, auf das Wort "now" gerichtet, dass durch seine Schriftart sowie seine negative Einschreibung in eine halbe schwarze Ellipse besonders betont wird. Als würde sie sagen wollen: Jetzt bin ich hier. "now here". Wer weiß, wo sie bald sein wird. Vielleicht "nowhere" = Nirgendwo?
Mit dem Titel "The scent of the end" (Der Duft des Todes) der anderen Zeichnung, bringt Putze neben dem Gehörsinn auch den Geruchssinn ins Spiel. Auf dem mit Bleistift und Tusche gezeichnete Blatt sind die Worte "The Land between solar systems" in Schreibmaschinenschrift skizziert. Die Zeile entstammt dem Titel eines Songs der Band Múm. Schrift und Gestaltung erinnern an das Graphic Design von Flyern oder Plattencovern. Schemenhaft eingesetzte, mit Tusche gezeichnete Bäume, die aus einer Dürerzeichnung entlehnt sein könnten, flankieren den Kopf einer attraktiven Frau. Ihr direkter, intensiver Blick fesselt den Betrachter. Vor allem ihr leicht geöffneter Mund lässt sie zum lasziven Vamp mutieren. Ihre langen Haare sind durchsetzt mit Blumen und Totenköpfen. Sind das schon die Blumen ihres Grabes? Gewiss ist nichts. Nur dass Schönheit und Tod schon immer sehr nahe beieinander liegen.

Dunja Schneider, Kunsthistorikerin, Berlin

Biografie

1969 geboren in Kulmbach

1991 – 1997 Studium der Germanistik und Anglistik an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg
1998 – 2004 Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg (Prof. Christine Colditz)
   
2005 – 2006 Radiosendung: "E.K.E.L. – Kunst Klang Kritik" Radio Z, Nürnberg (mit F. Boggasch und D. Sittig)

Stipendien und Förderungen:

2005-06 Atelierförderprogramm der Stadt Nürnberg
2008-09 Stipendium Internationales Künstlerhaus Villa Concordia, Bamberg
2008-10 Bayerisches Atelierförderprogramm

Einzelausstellungen (Auswahl):

2009 Jarmuschek und Partner, Berlin
  Villa Concordia, Bamberg
2008 the owls are not what they seem, Oechsner Galerie Nürnberg
  black gravity, Neuer Kunstverein Gießen
2007 amplifier38317, Galerie Jarmuschek und Partner, Berlin (Katalog)
2006 descent, Zumikon, Nürnberg (Katalog)
  slower darling slower, Soloshow Kunstmesse Preview Berlin
  Galerie Jarmuschek und Partner, Berlin
2004 Goodbye, Ausstellungsraum Vitrine, Nürnberg

Gruppenausstellungen (Auswahl):

2009 Kunst im Gepäck, Kunstverein Passau
2008 1000xkopiert-500 Jahre Dürers betende Hände, Kunsthaus Nürnberg
2007 RUBIN, Jubiläum Institut für moderne Kunst Nürnberg, Neues Museum in Nürnberg
  Year 07, Kunstmesse, County Hall, London (Galerie Jarmuschek und Partner)
  SWAB Art Fair, Kunstmesse, Barcelona (Jarmuschek und Partner)
2006 Quintessenz 7, Galerie Jarmuschek und Partner, Berlin
  Year 06, Kunstmesse Mary Ward House, London (Galerie Jarmuschek und Partner)
  Gegensätze, Kunstverein Hollfeld
  Verlorene Paradiese IV, Maxtorgraben, Nürnberg
  Goodbye Gostenhof, Kunstverein Kohlenhof, Nürnberg
2005 Überlebende des Wachstums, Ausstellungsraum Dresden