Olaf Unverzart

Ulrich Pohlmann
Ein Foto ist ein Chamäleon

Als Olaf Unverzart im Frühjahr 2008 etwa 60 Einzelbilder aus Serien, die im letzten Jahrzehnt entstanden sind, in einer Ausstellung im Münchner Fotomuseum präsentierte, war für Besucher eines sofort augenfällig. Die einzelnen Motive der Installation, in Anlehnung an die "Petersburger Hängung" wie ein Bilderpuzzle auf der gesamten Wandfläche platziert, verhielten sich trotz der Größenunterschiede egalitär zueinander. In der Zusammenstellung waren sie als Einzelbilder wahrnehmbar und bildeten zugleich in der Nachbarschaft neue Bilderzählungen, neue Narrative aus.

Dieser Umgang mit Bildern spiegelt die Arbeitsweise und das Denken des Fotografen wider. Es gibt keine Aufnahmen, die wie dramatische Höhepunkte in Szene gesetzt werden und entscheidende Akzente setzen sollen. Kein Bild scheint bedeutender als andere und würde deshalb eine Sonderstellung erhalten. Vielmehr wird das einzelne Motiv im Verhältnis zum Gesamtensemble sorgfältig ausbalanciert und in Stellung gebracht.

Die Motive sind auf Reisen in mehr als 30 Länder entstanden. Doch tritt das Exotische der jeweiligen Landeskultur in den Hintergrund. Die Bilder von der Fremde unterscheiden sich unwesentlich von der Welt, die vor unserer Haustür liegt. Landesspezifische Eigenheiten oder Charakteristika spielen keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig dagegen ist das gestische Vokabular der Fotografie, in dem die Haltung ihres Autors zum Vorschein kommt. Das Reisen und das Fotografieren werden so zu einer "voyage intérieur", die über das Innenleben und die (Seh)Erfahrungen des Fotografen Einblicke gewährt, zugleich aber auch an unsere Erfahrungswelt anknüpft.

Olaf Unverzart ist ein Fotograf, der auf die Kraft der Bilder vertraut und auf der Suche nach den Resten des Authentischen ist, die in der modernen Mediengesellschaft durch eine permanente visuelle Überflutung, eine regelrechte Bilder-Tsunami, verloren zu gehen drohen. Der Titel "Leichtes Gepäck" ist zunächst ein Understatement und zugleich eine Metapher für die geistige Mobilität eines Sehens, das sich scheinbar mühelos nicht nur zwischen den Ländern und Kontinenten bewegt. Viele Motive verströmen die Aura schwebender Leichtigkeit, lassen nichts oder kaum etwas von den Mühen und Anstrengungen erahnen, die der Bildentstehung vorausgegangen ist. Was beiläufig wie ein fotografisches objet trouvé daherkommt, ist oft das Ergebnis eines komplexen Wahrnehmungs- und Findungsprozesses, der Zeit beansprucht und das Ergebnis einer unablässigen Suchbewegung darstellt. "Es geht um meine Neugier, das Getriebensein, das klassische fotografische Flanieren und die immer wiederkehrende Flucht vor dem Stillstand." (Olaf Unverzart)

Olaf Unverzart sucht diesen Moment der Epiphanie, in denen die Zeit rückwärts und vorwärts laufen könnte, und eine untergründige Spannung das Bild belebt. Die den Fotos innewohnende Entschleunigung von Zeit und Raum zwingt uns als Betrachter selber zur Langsamkeit, zum Stillstand der eigenen Bewegung und damit zur Dehnung unserer Wahrnehmung. Festgehalten sind Momente, die nicht der dramatischen Philosophie eines entscheidenden Augenblicks verpflichtet sind, sondern einfach andauern, das Raum-Zeit-Kontinuum spüren lassen, und, ähnlich wie bei den Video- und Fotoarbeiten von David Claerbout, unsere Aufmerksamkeit auf kaum merkliche Veränderungen und Spuren des Sichtbaren lenken.
Olaf Unverzart fotografiert mit dem Bewusstsein für die Rhetorik und die medialen Konstruktionen der Fotografie. Seine Bildsprache will nicht vordergründig beeindrucken sondern nachhaltig berühren. Auf der Suche nach dem „punctum“ in der Fotografie, stößt er auf Spuren in Landschaften, Architektur und Physiognomien von Menschen, in denen sich so etwas wie die Anwesenheit des Abwesenden ereignet. Damit will ich sagen, dass in den Bildern auch Geschichten verborgen sind, die nicht mehr als solche offenkundig sichtbar sind, sondern vom Betrachter erahnt, gespürt und letztlich gefunden werden müssen.

Stilistisch steht er als ehemaliger Schüler der Fotoklasse Joachim Brohm an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst der Richtung der "New Topographics" nahe, für die neben Bernd und Hilla Becher vor allem die Amerikaner Stephen Shore, Lewis Baltz und Robert Adams stilbildend gewesen sind. Ein anderer Pol ist der poetische Dokumentarismus von Robert Frank, der die Gleichung von Kunst, Leben und Fotografie auf höchst individuelle Weise immer wieder neu aufstellt. Olaf Unverzart nimmt diese und andere Anregungen aus Literatur, Musik und darstellender Kunst auf. Deutlich wird sein künstlerischer Ansatz in den Skizzenbüchern, die voll sind von lyrischen Impressionen und Assoziationen, allesamt Fundstücken, die sich einer eindeutigen Klassifikation entziehen.

Man könnte ihn als eine Art Geschichtenerzähler bezeichenen, der die kleinen tektonischen Unebenmäßigkeiten und Veränderungen, die Brüche in der Realität mit seiner Kamera wahrnimmt, aufspürt und darbietet. Es sind nie die großen Gesten, sondern die kleinen Spuren, die verborgenen Zeichen und Ordnungen des Sichtbaren, die von den professionellen Bilderjägern gerne übersehen werden.
Würde man nach dem formalen Nenner der verschiedenen Kompositionen fragen, so ist eine allgemeine Übersichtlichkeit des Bildfeldes und eine reduzierte Farbskala augenfällig.

Fotos sind wie Chamäleons, die ständig die Farbe und auch die Gestalt der von ihnen abgebildeten Wirklichkeit verändern. In ihrer entwaffnenden Offenheit lassen die Bilder von Olaf Unverzart den Betrachter an diesem Prozess teilhaben. So sagt er: "Es gibt sie, die Momente, wenn das Bildermachen auf einmal all das Verlorene zurückholt, die Eindrücke der Welt mit den Ausdrucksmöglichkeiten einer Person verbindet. In solchen Augenblicken glaube ich an das Glück und an das gute Bild."


Biografie

1972 geboren Waldmünchen, lebt in München

1994-2000 Fotografiestudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
2002 DAAD Stipendium für Kuba
2005 Kunstfonds, Buchstipendium
2007 Auszeichnung "Schönste Bücher 2007"
2009 Stipendium Wiseman Foundation, Los Angeles
seit 2006 Lehrauftrag, Akademie der Bildenden Künste, Nürnberg

Ausstellungen (Auswahl):

2009 Förderpreis der Stadt München, lothringer 13, München
  reading the city, Limerick City Center, Limerick, Irland
  Koordinaten, Oechsner Galerie, Nürnberg
2008 leichtes gepäck, Fotomuseum München, München
  unter unserem himmel, Cordonhaus, Cham
2007 Förderpreis der Stadt München, lothringer 13, München
  spuren, Galerie Kleindienst, Leipzig
  roth/unverzart, Oechsner Galerie, Nürnberg
  cycling positions, hostgallery, London
  atem, Galerie Johanssen, Berlin
2006 serve and volley, Häusler Contemporary, München
2005 Nordschleife, BMW Pavillion, München und Kapstadt
2004 Bergungen, Galerie Kleindienst, Leipzig
2001 fallen kann ich auch alleine, Galerie Kleindienst, Leipzig

Publikationen (Auswahl):

2009 Leichtes Gepäck, Verlag für moderne Kunst Nürnberg
2008 Rouleur Anual, Rapha Racing Ltd, london
2007 Spuren, Galerie Kleindienst, Leipzig
2006 Miniatur und Panorama, Lars Müller Publishers, Baden
2005 Neue Heimat, Ausstellungskatalog, München
  Sans Moi, Edition M, Leipzig
2003 denkansie, Ausstellungskatalog, Furth
  Galerie Goldankauf, Verlag Silke Schreiber, München
2001 Forum, Camera Austria, Graz
2000 Message in a Box, Edition HGB, Leipzig