Bernhart Schwenk
Im großen Schatten des Außen - Zu den Skulpturen von Peter Senoner
Die langbärtigen Gnome, die im Erdrutsch herabkommen, die holzgeschnitzten Trolle, die Sylphen mit den Händen aus Luft, die Nixen, deren Beine sich in den Falten des Wassers verfangen, die Salamander mit Flammenlippen – alles, was zwischen roher Materie und dem Menschen angesiedelt, von den vier Elementen unabhängig und zugleich mit allen verbunden ist. (1) – die poetisch-schillernden Wortbilder, mit denen der junge Ethnologe Michel Leiris Ende der 1920er Jahre seine Sicht auf die vertraut fremde Welt schilderte, entstammen demselben geistigen Dictionnaire, mit dem man sich dem Universum des Bildhauers Peter Senoner nähern könnte. In Senoners plastisch-metamorphotischem Kosmos verknüpfen sich die Formvorstellungen aus den urromantischen Naturreichen des Anthropomorphen, Animalischen, Vegetabilen und Mineralischen mit den Visionen und Alpträumen einer sich virtualisierenden Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts. In seinen Formschöpfungen verschmilzt die geheimnisvolle, bisweilen grausame Kraft alter Märchen mit der Unberechenbarkeit eines Technizismus, in dem sich Triumph und Fragwürdigkeit vereinigen. Längst sind neben die traditionellen Bildhauertechniken weitere Medien der künstlerischen Artikulation getreten, Zeichnungen, Fotografien, performative und akustische Elemente, Trickfilme. Im Zentrum der Bildwelt von Peter Senoner stehen entrückte Fabelwesen. Die frühesten sind aus hellem Kiefernholz, seit einiger Zeit verwendet er auch den polierten Aluminiumguss. Auf hohem Kothurn begegnet einem der silberne Monomon wie eine Galionsfigur des biomorphen Stils der 1930er Jahre, ein Nachfahre der Stromlinienästhetik, in der organologische Formbildungen zu extremer Stilisierung getrieben wurden. Bereits in der Blütezeit der klassischen Moderne galt das Interesse der Zusammenführung einer geometrischen, rational motivierten Welt (Konstruktivismus) mit der Gegenwelt des Surrealismus, welche sich innerlich, gefühlsmäßig und geheimnisvoll begründete. Die Synthese opponierte gegen die Einseitigkeit eines rationalistisch formalisierten Menschenbildes mit seinem Trugbildeiner technologisch beherrschbaren Welt. Rund 70 Jahre später ist diese Perspektive aktueller denn je. Sie findet Widerhall in den Diskussionen um die möglichen Wege und Grenzen der Biotechnologie, in den immer raffinierteren Techniken computergesteuerter Bilderzeugung und -manipulation, den zielsicheren wie verschlungenen Kommunikationsmechanismen einer Globalkultur. Auf die befreiende Entgrenzung ebenso wie auf die unwiederbringliche Entfremdung von einer unmittelbaren Lebensumgebung deuten die Attribute hin, mit welchen Peter Senoner viele seiner Figuren versieht und die nicht selten mit dem Körper verschmolzen sind: Headsets, Hauben, Helme. In diesen hybriden Wesen spiegelt sich eine Introversion, die mit geschlossenen oder auch eigentümlich funkelnden Augen korrespondiert. In sich gekehrt und gleichzeitig außer sich, von physischer Präsenz und doch ungreifbar, belegen diese Kreaturen die Existenz eines surrealen Paralleluniversums mit einer eigenen, kaum nachvollziehbaren Entstehungsgeschichte, in der sich der Schöpfungsakt möglicherweise bereits verselbständigt hat. Mit dem Begriff des Körpers ist bei Peter Senoner nicht nur der vollständige menschliche Körper gemeint, ihm geht es auch um das dem menschlichen Körper Ähnliche, um Verfremdungen, Fragmente und Derivate. Folgerichtig entstehen seit einigen Jahren auch differente Körper, die – wie Nester oder Kokons – Lebensgrundlage für die Figuren bilden könnten. Vielleicht sind sie als Vorstufen oder Entwürfe zu verstehen, visionäre Prototypen einer Welt, die noch nicht existiert und die sich möglicherweise einmal selbst erschaffen wird. In der Kunst von Peter Senoner wird das stete unerfüllbare Begehren des Menschen spürbar, "seine Grenzen zu durchbrechen, auch auf die Gefahr hin, mit den Tieren, den Pflanzen, den Mineralien zu verschmelzen, im großen Schatten des Außen zu versinken, das wirklicher und lebendiger ist als er." (2)
Anmerkungen :
1. Michel Leiris [1901–1990]: "Exposition Hans Arp (Galerie Goemans)", in: Documents, Jg. 1 (1929), Nr. 6, S. 340 ff. Dt. Erstveröffentlichung in: Michel Leiris: Die Lust am Zusehen. Texte über Künstler des 20. Jahrhunderts, Qumran Editore, Frankfurt M. 1981, S. 119
2. Ders.: "L’Ile magique", in: Documents, Jg. 1 (1929), Nr. 6, S. 334. Dt. Erstveröffentlichung in: William B. Seabrook: Geheimnisvolles Haiti. Rätsel und Symbolik des Wodu-Kultes, erweiterte Neuauflage der Ausgabe von 1931, Matthes & Seitz Editore, München 1982, S. 10
Link zur Website von Peter Senoner:
www.petersenoner.com
1970 geboren in Bozen (I)
| 1994–2001 | Akademie der Bildenden Künste München |
| 1997–2000 | Arbeitsaufenthalt in New York |
| 2002-2004 | Arbeitsaufenthalt in Tokio |
| 2005 | Bayerischer Staatsförderpreis |
| seit 2006 | Lehrauftrag am Institut für experimentelle Architektur, TU Innsbruck |
| lebt und arbeitet in Lajen (I) |
| 2009 | New Entries! Museion - Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, Bozen |
| "Labyrinth :: Freiheit", Landesausstellung 2009, Franzensfeste, Südtirol | |
| 2008 | "Cosmorama", Landesgalerie Linz |
| "luxs", Transart, Betonwerk, Klausen | |
| 2007 | "Mythomat", Oechsner Galerie, Nürnberg |
| "flesh flashes", Goethe2 Galerie, Bozen | |
| 2006 | "eccentrics", Ursula-Blickle-Stiftung, Kraichtal |
| "consens", Arge Kunst Galerie, Bozen | |
| 2005 | "Stretch Sculpture", Kunsthaus Meran |
| "Kollaborationen", Kunstpavillon Innsbruck | |
| 2004 | "Skulptur, Prekärer Realismus zwischen Melancholie und Komik", Kunsthalle Wien |
| "Sensoroticron", Galerie aktueller Kunst im Osram-Haus, München | |
| "Arttirol", Ferdinandeum, Innsbruck | |
| 2002 | "Das absurde Bekannte", Sammlung Falckenberg, Hamburg |
| "Stereotyp", Kunsthalle Wien, Project Space | |
| 2001 | "Pilot", Galerie Wittenbrink, München |
| 2000 | "transition 1–...", Lindenberg Gallery, New York |
| "Akademie ins Haus der Kunst", Haus der Kunst, München |