Sebastian Kuhn

You will know us by our velocity - Erkennungszeichen Geschwindigkeit
Richard Grayson, London (Januar 2008)
 
Sebastian Kuhns Skulpturen bewegen sich schnell. Das soll nicht etwa heißen, dass einzelne Werke kinetisch wären, sondern dass sie es als Werkreihe sind, auf einer Art syntaktischem Laufband, auf dem eins zum anderen führt, schneller, als wir es mit unserer alltäglichen Wahrnehmung der Zeit erwarten würden.

Es gibt einen Trick, der bei Produzenten – und Betrachtern – von Natur- und Tierfilmen sehr beliebt ist und der sich der Möglichkeiten bedient, die das Filmmaterial an sich beinhaltet  und der Art, wie ein Film in unterschiedlichen Geschwindigkeiten am Kameraverschluss vorbei bewegt werden kann, um uns Vorgänge sehen zu lassen, die in der Alltagswelt normalerweise unbemerkt bleiben. Wenn eine Aufzeichnung von den Aktivitäten und Ereignissen, die sich im Laufe von, angenommen, einem Monat, rund um eine Tierleiche herum entwickeln (nur als Beispiel), für uns abgespielt wird in einer solchen Geschwindigkeit, dass wir sie in einer einzigen Minute sehen, so ermöglicht uns dies eine neue Wahrnehmung der Geschehnisse, die für uns zuvor unsichtbar waren. Das ist wie im Fieber, Schwindel erregend. Wir werden von prosaischen Gewissheiten in Sphären geschleudert, wo alltägliche Veränderungsprozesse in einen Wirbel von Aktivitäten verwandelt werden, eine sonderbar Brownsche Bewegung, die sich in eine verstörende Metapher auflöst... Ereignisse werden zu Flugbahnen, und unsere gewohnte Art, Dinge einzuordnen, wird zu neuen Konstellationen des Verstehens.

Bei dem Werkkörper, an dem Kuhn arbeitet handelt es sich um einen Körper von Objekten, Stilen und formalen Neuerungen, die geholfen haben, Sprachen und Ergebnisse in der Hauptströmung der westlichen abstrakten Plastik der letzten fünfzig Jahre zu formen. Oder vielmehr ist dies einer der Körper, ein anderer Körper entsteht aus der Arbeit, die der Künstler während einer relativ kurzen Periode geschaffen hat, beginnend mit den 2003 entstandenen Skulpturen – die Werkreihen ohne Titel beispielsweise – und dann zum anderen Ende des Kontinuums eilend – „You, Me and Caravaggio“ aus dem Jahr 2007. Wenn man die zurückgelegte Strecke betrachtet, die Verschiebungen, Entwicklungen und Veränderungen verfolgt, bekommt man den Eindruck von Verdichtung und einer Antriebskraft, einer Zustandsverschiebung, wo vieles, das zuvor fest war, sich nun ausdehnt, entfaltet und explodiert...

Die Werkgruppen "Ohne Titel" sind dunkle Materie, grüblerisch, schwer und schroff. Obwohl sie hauptsächlich aus nüchternem Industriegummi hergestellt sind, erinnern sie in Form und visuellem Gewicht an Bewegungen und Gestalt einer Art schwerer Metallskulptur, wie sie ihre Blütezeit in den Sechzigern und Siebzigern hatte: Praktiken, bei denen untypische Kunst-Materialien wie Walzblech und Core Ten-Stahl und die entsprechenden industriellen Techniken eingesetzt wurden, um diese auf Weisen zu kombinieren und zu vereinen, die dennoch auf einige der organischeren Formen früherer Skulpturen zurückverwiesen, die geschnitzt, modelliert oder gegossen worden waren. Ein Werk wie "Thinking about You and Me" (2005), mit seinen Rohren und Bögen, seiner Verästelung und den Flächen, die sich eng an den Boden schmiegen, ist Abkömmling einer Mischung aus Henry Moore und David Smith, gefiltert und gebrochen durch Facetten von Caro. Es ist vom Sockel herab und über den Boden geglitten, hat sich zu Arbeiten der "New Generation" mit Turnbull und Phillip King gesellt (Kuhn hat tatsächlich bei Tim Scott gelernt, der durch seine Teilnahme an der "New Generation" -Ausstellung der Whitechapel Gallery 1965 auf sich aufmerksam gemacht hatte). Auch spätere Praktiken werden in Erinnerung gebracht: die Mono- (oder Duo-) Chromatik dieser Arbeiten wiederholt die Stummheit des Minimalismus, Serras riesige Metallgestalten oder die herabfallenden Filzmatten von Morris.

Diese Verbindungen nachzuzeichnen ist keineswegs "Finde-den-Einfluss" als kunsthistorischer Ansatz, um die Arbeitsweise eines Künstlers als das Resultat dessen darzustellen, was vorher war... in der Art von "a" und "b" ergibt infolgedessen "c": um ein "Erstgeburtsrecht" oder eine "Ahnenreihe" zu konstruieren. Was Kuhns Methode angeht, so kann man hier nicht von einem sich logisch entwickelnden Wachstum ausgehen, was ja die ursprüngliche Absicht von solchen Methodologien war. Die Echos und Ähnlichkeiten, die wir hier erkennen und vorstellen, sind nicht diagnostisch oder organisch, sie sind eine Auswahl. Die Formen und Sprachen, auf die Kuhn sich bezieht, sind von ihm aus der Zeit herausgelöst worden und wirken auf vielfältige Weise wie ein Anachronismus. Sie wurden aus ihrer ursprünglichen Matrix herausgenommen und bekommen dadurch eine neue Bedeutung; sie nun anzutreffen verursacht einen kleinen Schock der Überraschung durch ihr ungewohntes Wiederauftauchen. Als diese Stilrichtungen und Herangehensweisen erstmals entwickelt worden waren, wurden sie als zwangsläufige Verfeinerungen angesehen, die sich einem schnell näherkommenden Absoluten anglichen. Die Geschichte der Kunst wurde als Manifestation einer zunehmend raffinierteren Denkweise betrachtet, in der jede Entwicklung auf die vorhergegangene aufbaute und ihr überlegen war: man erklomm eine Leiter, die immer höher und höher zum Ultimativen und Unbeschreiblichen führte. Parallelen wurden gezogen zu den Entwicklungsstadien der Intelligenz, wie sie von Psychologen wie Piaget beschrieben wurden. "Primitive" und gegenständliche Kunst wurden kindlichen Stadien gleichgesetzt, westliche abstrakte Methoden dem Entstehen von höherem symbolischen Denken bei Erwachsenen.

In dem halben Jahrhundert, das inzwischen vergangen ist, können wir dies nicht länger glauben und es scheint mir, dass die Art und Weise, in der Kuhn seine Arbeiten seit dem Beginn seines Schaffens entwickelt hat, darauf ausgerichtet war, zu erkennen, dass die Imperative, Intentionen und Teleologien, die diesen Formen ursprünglich ihre Gestalt verliehen, nicht länger zutreffen. Er hat stattdessen eine Analogie geschaffen und sie augenzwinkernd auf das Thema Skulptur angewandt, um sie in neue und unerwartete Richtungen zu lenken. Heute abstrakte Skulpturen zu schaffen, auch wenn sie in jedem Atom und in jedem Fall einem Werk aus den siebziger Jahren ähneln, bedeutet, wie in Borges Erzählung von der identischen Don Quijote-Neuschreibung in "Pierre Menard, Autor des Quijote", ein komplett anderes Werk zu schaffen. Kuhn hat die Vorstellungen von Schnelligkeit, von Geschwindigkeit, die im Modernismus inhärent waren, genommen und sie zurück auf die Objekte gerichtet, er hat sie pataphysisch als Kräfte auf die Formen des Modernismus selbst einwirken lassen. Und wie wir es als Grundsatz der Moderne kennen (obwohl das, wie die Elektrizität etwa, nur wenige von uns in einer relevanten Weise überhaupt verstehen), wenn Masse und Geschwindigkeit kombiniert werden, findet eine Übersetzung in Energie statt. Wenn man das ganze Spektrum der Arbeiten hier betrachtet, so ist es, als sähe man "Moderne Skulptur" in einem Teilchenbeschleuniger, und wie bei der höheren Physik werden alle Gewissheiten, die dem "Festen" innezuwohnen schienen, als fiktiv, illusorisch und flüchtig enthüllt.

"When Shall We Three Meet Again" (2005) ist eine Phase am Beginn der Beschleunigung. Es gibt keine Verwendung eines einheitlichen Materials mehr. Der Stoff, aus dem das Werk gemacht ist, ist verschiedenartiger, separierter und nur zusammengehalten (implizit ist dies ein vorübergehender Zusammenhalt) mit Hilfe einer groben Kette und eines Flaschenzuges, an dem man kräftig zerren muss, um die Kräfte zu besiegen, die die Elemente auseinanderzutreiben suchen. Formal verlassen wir die New Generation und bewegen uns nun in Richtung Arte Povera, mit Erinnerungen, beispielsweise, an einen Salatkopf, durch Kupferdraht mit einem Steinquader in erzwungener Intimität verbunden (Giovanni Anselmo). In "For a Bigger Buddha" von 2005 nimmt Kuhn die Schwerkraft zu Hilfe, um eine temporäre und fissipare Einheit einer sogar noch bunteren Sammlung von Materialien zu erzwingen. Bei "A Tension Room for Bacon" von 2006 hängt die Materie im architektonischen Raum, ein momentaner Stillstand in einer unendlichen Reihe von Arrangements, die unserem Blick verborgen bleiben. 

Wenn wir bei "Strange Things Between Us" angelangt sind, stellen wir fest, dass, obwohl das Material des Werkes einheitlich ist und dasselbe für die verwendeten Formen gilt, jedes doch eine von der anderen abgetrennte Einheit ist, nicht einmal mehr eingerahmt und von Wänden umschlossen. Wie Wrackteile eines Flugzeugs oder eine Roswellartige Explosion einer fliegenden Untertasse, entworfen von Tony Cragg, finden wir befremdliche Elemente, die über Bäume und Gras in einem Vorstadtpark ausgekippt und drapiert wurden.

In "Come on Sam" (2007) gibt es so gut wie gar kein Volumen, vielmehr wird ein Volumen durch die Überschneidung von Ebenen und Vektoren, die sich im Raum drehen und umherschwirren, beschrieben. Durch den Einsatz von Wellen und Schnörkeln aus durchsichtigem Plexiglas wird das Licht selbst mit einbezogen, ebenso durch Spiegel, die so angebracht und arrangiert sind, dass sie kleine Fenster auf das zweifach umgedrehte Geschehen ergeben, das sich im Raum des Universums auf der anderen Seite der Spiegelfläche abspielt. Es ist eine Reihe von Kollisionen und Verknüpfungen, die von Energie und ständigem Wandel erzählen. Das Werk bietet die Möglichkeit, sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebene zu funktionieren... Es könnte das virtuelle Modell eines gigantischen intergalaktischen Ereignisses sein oder die Beschreibung eines Wechselspiels von Kräften auf einer subatomaren Ebene, eingefangen aufgrund einer Verzögerung, wie Partikel in einer Nebelkammer, die Kräfte und Ereignisse enthüllend, welche die Materie bilden. Die Art und Weise, in der das Werk radikale Maßstabsverschiebungen, die atomare und die galaktische Ebene, andeutet, erinnert an die okkulten Resonanzen von oberhalb und unterhalb der animierten magischen Ansicht des Universums im voraufklärerischen Denken.

Die Falte, der Vektor und die Reflexion werden zu zentralen Elementen in Kuhns jüngsten Wandarbeiten. Diese barocken, juwelenverzierten Arrangements frieren Ereignisse ein, von denen wir fühlen, dass sie sich in einer anderen, alternativen Dimension fortsetzen müssen. "You, Me and Caravaggio" aus dem Jahr 2007 drückt einen Tanz von Elementen aus, eine Brechung von Elektronen (die sich sowohl wie Wellen als auch wie Teilchen verhalten): eine Bewegung in Raum und Licht. Eher Energie als Materie bildet jetzt das Herzstück der Arbeitsweise, wobei die Masse eine transformative Geschwindigkeit erreicht bis in Bereiche der Information. Die Arbeiten berichten nicht nur von der materiellen Welt, sondern auch von jenen Räumen, die aus den Beziehungen zwischen Elektronen und Behauptung entstehen, von den Räumen der Virtualität.

"Barefoot" von 2006 erstellt eine Karte von den Ereignishorizonten, auf die das Werk zurast. Das Video schlägt eine zukünftige Geschichte dieser Beschleunigung vor, während wir uns über die Grenzen der Materie hinaus bewegen und durch Raum und Zeit wirbeln, wie sie durch Geschehen von Ton und Licht definiert werden. Die elektrischen Zuckungen von Neonbewegungen werden gespiegelt und an den Rändern des Bildschirms gebrochen, ähnlich wie am Ende von 2001: Odyssee im Weltraum das reflektierende Visier am Helm von Dave Bowman dessen Weg nachzeichnet, während der Weltraumfahrer durch den Strudel des Stargate in neue Dimensionen gewirbelt wird, die jenseits der Grenzen des physischen Universums liegen. Die Welten der Materie werden überschritten und umgewandelt in einen gefalteten, verschlungenen Tanz von Zeit, Ereignis und Energie.


Text aus dem Katalog: Sebastian Kuhn
erschienen 2008 im Kerber Verlag, Edition Young Art
ISBN 978-3-86678-136-8

Biografie

geboren 1977 in Krumbach (Schwaben), lebt und arbeitet in Nürnberg

1999-2005 Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, Professoren Tim Scott und Claus Bury
2001 Studienaufenthalt in Santiago de Chile bei Francisco Gazitua
2005 Studienaustausch im Rahmen des Bildhauersymposions "Khora"an der Hiroshima City University, Japan
2006-2007 MA Fine Art in Sculpture, an der University of the Arts, Wimbledon College of Art, London

Stipendien und Förderungen

2002 1. Preis im Klassenwettbewerb der Dannerstiftung "Home for..."
2006 1. Akademiepreis der AdBK Nürnberg
  1. Preis Skulpturenpark Mörfelden/Frankfurt
  Atelierförderung der Stadt Nürnberg
2006/07 DAAD Postgraduierten-Jahresstipendium für Großbritannien
2007 Debütantenförderung des Freistaates Bayern
2008 Kunstförderpreis des Bay. Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst

Ausstellungen:

2009 Oechsner Galerie, Nürnberg (Einzelausstellung)
  Bayer. Kunstförderpreisträger 08, Galerie der Künstler, München
2008 "Torque", Kreisgalerie am Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg (Einzelausstellung)
  "Buckle Your Seatbelt Dorothy…", Forum Kunst Rottweil (Einzelausstellung)
  "Come on Sam", Kunstverein Kirchzarten (Einzelausstellung)
  Ausstellung zur Debütantenförderung 2007 in der Ausstellungshalle der AdBK Nürnberg, (Katalogpräsentation)
  "Statements", Oechsner Galerie, Nürnberg (Gruppenausstellung)
2007 MA Graduierten-Ausstellung, Wimbledon College of Art, London
  "Stopover", DAAD-Stipendiaten 2007, Ada-Street Gallery, London (Katalog)
2006 Izumo Art Festival, Tamatsukuri, Japan (Katalog)
  Große Kunstausstellung im Haus der Kunst München (Katalog)
  Symposion "Khora2", Nürnberg (Katalog)
  Ausstellung zum Preis Skulpturenpark Mörfelden/Frankfurt
  Ausstellung zum Preis der Darmstädter Sezession (Katalog)
2005 Große Kunstausstellung im Haus der Kunst München – Skulptur aktuell (Katalog)
  Skulptur und Malerei, Kunstpavillon München, zusammen mit Michael Zwingmann
  Galerie Emmanuel Post, Leipzig (Einzelausstellung)
  Symposion "Khora", Hiroshima, Japan (Katalog)
2004 "Grund",Klasse Bury an der AdBK Nürnberg
  Neue Kunst in alten Gärten, Hannover (Katalog)
  Vor Ort, Symposion im Rahmen von 66 Tage Kunst, Rothenburg o.d.T. (Katalog)
2003 "Drei", Gruppenausstellung im Parthenonsaal Budapest
  Ausstellung des Kunstpreises der Nürnberger Nachrichten (Katalog)
2002 “Eins“, Gruppenausstellung im Kunsthaus der Stadt Nürnberg
  "Zwei", Gruppenausstellung in der Ausstellungshalle der AdBK Nürnberg
2001 "Form Wofür", Skulptur von Studenten und Ehemaligen der Klasse Scott (Katalog)