Susanne Roth

Susanne Roths beseelender Konzeptualismus

Susanne Roth bricht mit den üblichen Vorstellungen von Papier und befreit dieses von seiner zweckbehafteten, dienenden Rolle als Zeichen- und Schriftträger. Sie zwingt ihr Material nicht mehr in dessen logische Funktion, sondern ermöglicht ihm ein Eigenleben mitsamt seinen typischen Materialeigenschaften: Die üblicherweise als Irritationen der Papieroberfläche oder Materialmängel zurückgewiesenen Risse, Vergilbungsflecken oder Knitterfalten bezeugen nun gerade die Lebendigkeit der einzelnen Bögen.
Sobald der Zweck des von Menschenhand gemachten Gebrauchsgegenstandes Papier aufgegeben wird, erscheint dieses als Mysterium; es stellt sich die Frage nach seinem eigentlichen Wesen. Die Industriepapiere mutieren dabei zu Wandobjekten, die den ehemalige Benutzer zum Betrachter machen und ihn zum Dialog auffordern. Obwohl weiterhin allgegenwärtiges Papier die materielle Grundlage bildet, können diese nicht mehr als bekannt abgestempelt werden. Ihnen muss eine autonome Existenz jenseits menschlicher Zweckorientierung zugestanden werden.

Im Gegensatz zum Gebrauchsdesign oder der heute so populären Ware "Kunst" zeichnet sich Kunst per Definition durch Freiheit und Zwecklosigkeit aus. Sobald Susanne Roth das geheime Wesen eines Blattes Papier sichtbar macht, bleibt dieses nicht bloßes Material, sondern wird zum gleichberechtigten, freien Gegenüber. Sie haucht ihren Papierbögen Leben ein indem sie der ursprünglichen Zweckbestimmung entgegenarbeitet. Der Betrachter wird in seinem Zweckdenken irritiert, er fragt nach Sinn und Inhalt der sonderbar belebten Papierbögen und versucht diese mittels seiner bisherigen Lebenserfahrung zu verorten.
Roth greift auf diese Alltagserfahrungen zurück und verändert die vorgefundenen Papierbögen durch subtile Eingriffe um den Rezipienten herauszufordern. Sie verstärkt dabei die Charakteristika des jeweiligen Bogens und betont etwa dessen Scharfkantigkeit durch exakte Beschneidung oder macht auf den physikalischen Prozess der Verformung aufmerksam, der sich bei regennassem Geschenkpapier durch reliefartige Wellung der Oberfläche vollzieht.

Indem das unförmige, nass gewordene Papier allerdings nicht in den Müll, sondern in die Galerie wandert, kommt es zum Bruch mit der lebensweltlichen Erfahrung. Was hat das von Susanne Roth zwecklos gemachte Gebrauchspapier also im Ausstellungsraum verloren?
Durch die Präsentation der Papiere im auratisierenden Kontext der Galerie erhebt die Künstlerin dieses zum Reflektionsgegenstand. Die einzelnen Bögen werde nicht mehr nur in ihrem Gebrauchswert betrachtet, sondern ihnen kommt primär ein eigener, zweckfreier Wert zu. Sie erinnern noch an ihre ehemalige Funktion als Schreib- oder Schmuckpapier, emanzipieren sich zugleich aber als eigenständige Wesen. Der ehemalige Zweckgegenstand Papier wird plötzlich als selbständiger Organismus erfahrbar. Das angeschnittene, zerkratzte, geknitterte oder in anderer Weise unbrauchbar gemachte Papier wird unter gewöhnlichen Umständen als kaputtes Material entsorgt. Hier dient es jedoch als Schlüssel zu einem poetischen Weltverständnis. Ohne Gedichte zu schreiben oder bildnerisch ins Narrativ-Liebliche abzudriften ermöglicht uns Susanne Roths beseelender Konzeptualismus damit einen zweckfreien, dafür aber umso bereichernderen, verzauberten Blick auf unsere nur angeblich entzauberte Welt.
Thilo Westermann, Okt. 2009

Biografie

1973 geboren in Scheinfurt

1994-1999 Akademie der Bildenden Künste, Nürnberg bei Prof. Hanns Herpich
1999-2001 Kunstakademie Karlsruhe bei Prof. Ernst Caramelle
  lebt und arbeitet in Fürth

Ausstellungen (Auswahl):

2008 "Statements", Oechsner Galerie, Nürnberg
2007 Oechsner Galerie, Nürnberg (mit Olaf Unverzart)
2007 Galerie Martin Flaig, Basel
2006 "Farewell Kohlenhof", Kunstverein Kohlenhof Nürnberg e.V.
2004 "Ein Zimmer für sich allein", Altes Pfarrhaus, Wiesenbach, Augsburg
2003 Kohlenhof Kunstverein Nürnberg e.V.
2002 "Pars pro toto", Fürther Ateliertage (mit Birgit Bellmann)
2001 "Ortswechsel", Fürther Ateliertage (mit Anne Sterzbach)
2000 Ausstellungshalle Frankfurt, Klasse Ernst Caramelle